Ubuntu – ich bin, weil du bist.

Warum echte Gemeinschaft uns lebendig werden lässt.

Ubuntu ist ein afrikanisches Wort, dass die ganze Welt in sich trägt. Es bedeutet frei übersetzt:

„Ich bin, weil du bist“

Nicht: Ich bin, weil ich den aktuellen Style trage.
Nicht: Ich bin, weil ich einen angesagten Beruf ausübe.
Nicht: Ich bin, weil ich viel leiste und alles alleine schaffe.
Und auch nicht: Ich bin, weil ich konsequent nur noch eigenen Bedürfnissen folge.

Sondern, weil ich eigebettet bin in ein Netz von Beziehungen. Mein Leben bekommt Lebendigkeit und Bedeutung durch die Verbindung zu anderen.
Ich bin, weil es dich gibt.

Wir sprechen so oft von Gemeinschaft. Davon, wie wichtig es ist, nicht alleine zu sein. Doch echte Gemeinschaft beginnt nicht automatisch beim Kaffee trinken und dem Austausch von Nettigkeiten. Sie wächst erst dort, wo wir bereit sind, unser eigenes „ICH und MIR und MICH und MEINS“ ein Stück zur Seite zu stellen.

Einen Schritt zurück – um gemeinsam vorwärts zu gehen.

Gerade für Frauen in der zweiten Lebenshälfte ist dieser Gedanke erst mal empörend. Denn oft haben sie über Jahrzehnte zurückgesteckt – für ihre Eltern, ihre Partner, ihre Kinder. Sie waren zuständig, haben sich gefügt, haben oft gelernt, sich selbst hinten anzustellen. Und nun, nach der Scheidung, nach dem Auszug der Kinder, mitten in der Menopause, sagen sie mit aller Kraft: Jetzt bin ich dran!

Das ist nicht nur berechtigt – es ist heilsam. Endlich die eigenen Bedürfnisse spüren, ihnen folgen dürfen, ohne Rücksicht, ohne Pflichtgefühl.

Und doch – so schmerzhaft es klingt – ein ausschließlicher Fokus auf das eigene Wohl führt selten dorthin, wo wir eigentlich hinwollen: in ein Gefühl von Zugehörigkeit. Wer nur sich selbst im Blick hat, findet kaum Anschluss an eine Gemeinschaft.

Warum hätten wir zwar gerne eine verlässliche Gemeinschaft, tun uns aber schwer damit, diese mit zu gestalten?

1. Unsere westlich geprägte Kultur ist stark individualistisch

In vielen westlichen Ländern gilt: Der Einzelne zählt. Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit und Eigenverantwortung stehen über dem Miteinander. Zeitpläne, Regeln und Pflichten sind wichtiger als Beziehungspflege.
In kollektivistisch geprägten Kulturen – wie in vielen afrikanischen Ländern – ist es genau umgekehrt: Die Gemeinschaft ist das Maß aller Dinge. Man bemüht sich, das Gesicht des Gegenübers zu wahren, Harmonie zu erhalten, Verbindungen zu nähren.
Ubuntu ist Ausdruck dieses Denkens: Nur wenn es dir gut geht, kann auch ich gedeihen.

2. Viele Frauen wurden in einem Rollenverständnis sozialisiert, das sie klein gehalten hat

Sie haben gelernt, sich zurückzunehmen – leise zu sein, gefällig zu sein, zu funktionieren. Für viele war das ein schmerzlicher Prozess der Selbstverleugnung. Jetzt, in der zweiten Lebenshälfte, wollen sie das endlich hinter sich lassen. Und das ist gut und richtig.
Aber: Gemeinschaft heißt nicht Rückkehr zur Selbstaufgabe. Sie bedeutet nicht, wieder zu verschwinden. Sondern sich einzubringen – freiwillig, kraftvoll, mit offenem Herzen.

3. Wir haben verlernt, dass wir wichtig sind – für andere

Viele von uns sind so sehr mit dem Blick auf sich selbst beschäftigt, dass sie nicht mehr sehen: Da sind Menschen, die auf uns zählen.
Wir vergessen, dass wir eine Lücke reißen, wenn wir nicht da sind. Dass es für andere einen Unterschied macht, ob wir auftauchen – oder nicht.
Dass unser Fernbleiben nicht neutral ist, sondern manchmal auch kränkt, verletzt oder zurückstößt.
Wir haben die Verbindung verloren zu der Wahrheit, dass wir Teil eines Ganzen sind. Und dass dieses Ganze uns vermisst, wenn wir uns entziehen.

Sich selbst nicht verlieren – und trotzdem dazugehören

Die Herausforderung liegt darin, beides zu leben: sich selbst im Blick zu behalten – und gleichzeitig offen zu bleiben für das Du, das Wir, das Gemeinsame.

Echte Gemeinschaft verlangt nicht, dass wir uns aufgeben. Sie lädt uns vielmehr ein, aus einer Position der inneren Kraft heraus da zu sein.
Nicht aus Schuldgefühl oder Pflicht. Sondern aus einer Haltung des bewussten Gebens: Ich bin da, weil ich kann. Weil ich möchte. Weil ich weiß, dass mein Dasein etwas bewirkt.

Das ist ein reifer Weg – kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.
Ich darf meine Bedürfnisse ernst nehmen, meine Grenzen spüren, für mich sorgen. Und ich darf mich dennoch immer wieder einbringen – freiwillig, lebendig, verbunden.

Genau darin liegt die große Chance dieser Lebensphase:
Dass wir nicht mehr geben, weil wir müssen – sondern weil wir wissen, dass wir Teil eines lebendigen Geflechts sind. Und weil wir spüren:
Ich werde gebraucht. Ich bin Teil. Ich bin verbunden.

Ubuntu heißt nicht Selbstaufgabe. Es heißt Mit-einander-sein.

Ubuntu erinnert uns daran: Wenn es dir gut geht, kann auch ich wachsen. Wenn ich für dich da bin, dann baue ich mit an einem Raum, in dem auch ich gehalten bin.
Das ist keine Einbahnstraße. Es ist ein lebendiger Kreislauf.

Vielleicht ist genau das die Einladung dieser Lebensphase: nicht entweder/oder, sondern beides.
Ich darf mich selbst achten – und mich zugleich einfügen in etwas Größeres.

Nicht weil ich muss. Sondern weil ich will.
Weil ich weiß: Ich bin, weil du bist.

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